Meine Berufserfahrungen und Qualifikationen führten mich 2001 in die Hansestadt Rostock. Dort und in anderen Städten Mecklenburg Vorpommerns waren Ende der 1990-ger Jahre "Offene Kanäle" eingerichtet worden.  Entgegen den Erfahrungen bei der Dualisierung des Rundfunkwesens der 1980-ger Jahren im Westen Deutschlands, wurden in den neuen Bundesländern erst mit Verzögerung  andere medienpolitische  Strukturen geschaffen,  Diese nun inhaltlich zu füllen und vor allem der jüngeren Generation diesen gesetzlich gesicherten Zugang  zu erleichtern,  war  die  Aufgabe  des Projekts  "tv-werkstatt" am Rostocker Offenen Kanal (rok-tv).

In einem Team, bestehend aus acht Mitarbeitern, wurden über drei Jahre Strukturen und Modelle für die Medienqualifikation in M-V entwickelt und realisiert. Neben der Ausformung von Medienkompetenz, vor allem unter Schülern und Studenten, stand der Aufbau von einem Netzwerk im Vordergrund.

Praktisch geschah dies in der Initiierung und Durchführung von Jugendmedienprojekten. Aufbauend auf vorhandenen Kontakten zu freien kulturellen Trägern in MV wurde eine Serie von Festival Fernsehprojekten realisiert.  Dabei  entwickelten sich auch neue Kontakte  zu anderen öffentlichen und privaten Trägern. In diesem Netzwerk arbeiten z.B.  Landesrundfunkzentrale, Kinder und Jugendfestival (KJF Remscheid), Landes Filmzentrum, Fonds Soziokultur, Landes- und Stadtjugendring,  Landeszentrale für politische Bildung, Universitäten und Hochschulen zusammen. Hieraus haben sich inzwischen in praktisch allen größeren Städten in M-V eigenständige Medienprojekte dauerhaft etabliert. Beispielhaft sei nachfolgendes als die Weiterentwicklung der Netzwerkarbeit beschrieben.

Jugendfernsehen Online

Internet tv  als  Arbeits- und Kommunikationsplattform

Da die Projekte unabhängig arbeiten und damit jeweils einer Eigenlogik folgen, wurde eine Sendeplanung entwickelt, die es den Kooperationspartnern erlaubt Zuarbeiten einzubringen, die einerseits eine eigenständige redaktionelle Bearbeitung der Themen erlaubt und andrerseits auch noch zu einem späteren Zeitpunkt in das Sendekonzept integriert werden können. Aufgrund zeitlicher und finanzieller Ressourcen sowie der räumlichen Distanz im Flächenland M-V ist es unmöglich, mit den Projektteilnehmern regelmäßige persönliche Redaktionstreffen an einem Ort abzuhalten. Aus diesem Grund wurde zunächst ein virtueller Redaktionsraum im Internet, in Form eines Forums eingerichtet. Diese Diskussions-Plattform bietet die Möglichkeit eines einfachen Informationsaustausches und ist damit fester Bestandteil der redaktionellen Arbeit. So können im Vorfeld des geplanten Redaktionsworkshops und der TV- Sendung notwendige Vorbereitungen von den Projektteilnehmern erarbeitet und über das Internet kommuniziert werden.


Redaktionsworkshop

Dazu werden die beteiligten Projekte in der zweiten Septemberhälfte nach Rostock eingeladen. Hier sollen die Informationen aus dem Internet-Forum zusammengefasst und ausgewertet werden. Darauf aufbauend  werden die Themenschwerpunkte und der Sendetermin(spätestens 04.11.2004) für die Sendung festgelegt. Inhaltlich sollen sich diese Themen an den konkreten Interessen der Jugendlichen orientieren. Dem entsprechend sollen die Themenfelder als Rahmenvorgaben an die Jugendlichen zurück vermittelt werden.
Es ist problemlos möglich über das Internet via "Netmeeting" zu kommunizieren. Da diese Kommunikationstechnik auch während der Internet- TV- Live- Sendung zum Einsatz kommen soll, muss im Vorfeld geklärt werden, dass diese sowohl technisch, als auch redaktionell zur Anwendung kommen kann. Um die praktische Funktionsfähigkeit zu überprüfen, ist ein Netmeetig geplant das den Beteiligten den Umgang mit dieser Technik erleichtern soll.
Die erarbeiteten redaktionellen Ergebnisse stellen dann den Rahmen dar, in dem die Internet- TV- Sendung realisiert werden soll. Neben dem persönlichen "Kennen lernen" wird auch der Ablaufplan konkretisiert und festgelegt. Hieraus ergibt sich, welche Gruppe welchen Content zu der Sendung beisteuert. Nach dem jetzigen Stand der Informationen aus den Kooperationsprojekten, ist jede Gruppe für sich in der Lage sowohl in technischer, als auch in redaktioneller Hinsicht eine audiovisuelle Zuarbeit zu gewährleisten.

Vorproduktionsphase/  Internetportal

In der sich an den Workshop anschließenden Vorproduktionsphase realisieren die einzelnen Partner mit den Jugendlichen eigenständig die nach dem Redaktionskonzept geplanten Beiträge. Dies gilt für die technische und redaktionelle Arbeit. Am Ende dieses Prozesses stehen mehrere Beiträge, die sendefähig fertig gestellt auf einem Datenträger (DVD oder Videoband) nach Rostock geliefert werden. Technisch wird derzeit geprüft, ob die Beiträge auch via Internet digital übermittelt werden können.
Parallel dazu wird in dieser Phase von der Medienwerkstatt Rostock ein geeignetes Internetportal aufgebaut. In dieses wird auch das bis dahin genutzte Forum integriert. Dieses Forum dient auch als Diskussionsplattform während der Internet- TV- Livesendung.
  
 

Internet- TV- Live Sendung/ Netmeeting

Die sich aus dem redaktionellen Konzept ergebende Sendung ist interaktiv angelegt. D.h., während der  Ausstrahlung und des Streamens können und sollen sich Zuschauer und die Jugendlichen aus den kooperierenden Projekten an der Sendung aktiv beteiligen. Da rok-tv nur im Raum Rostock via Kabel und terrestrisch empfangen werden kann, muss die Sendung via Internet für die anderen Projektbeteiligten gestreamt werden. Da bereits in der zurück liegenden Zeit am Institut für neue Medien mit dieser Technologie hinreichend Erfahrungen gesammelt wurden, können hier die technischen und personellen Ressourcen mit genutzt werden. Diese Voraussetzungen machen es möglich, die TV- Live Sendung auch im Internet zu verbreiten.
Nach den jetzigen redaktionellen Planungen sollen während der Ausstrahlung der Internet- TV-Sendung auch Experten und Jugendliche zu den jeweiligen Themen live Stellung nehmen. Hier bietet sich einerseits an, die Gäste in das TV-Studio einzuladen, andererseits ist geplant, diese auch via Webcam mit in das Sendeschema zu integrieren.
Nachdem im Vorfeld die Rahmenbedingungen mit dem Sender rok-tv abgeklärt wurden, (Sendeanmeldung, Studiobuchung usw.) wird an dem Produktionstag das Studio sendefähig vorbereitet. Hierzu zählen: der Aufbau einer Studiodekoration und der Aufbau eines entsprechenden Lichtes. Ferner müssen alle technischen Parameter vorbereitet werden (Kameraaufbau, Toninstallation, technische Synkronisation der Studiokameras mit den Webcams usw.).
Mit dem Sendebeginn der TV- Live- Sendung, die von den Jugendlichen aller beteiligten Partner produziert wird, wird auch mit dem Streaming begonnen. Hierdurch haben neben den Zuschauern von rok-tv auch die Internetzuschauer die Möglichkeit, die Sendung zu verfolgen. Durch die gleichzeitige Rückkopplungsmöglichkeit über das Internet können alle Beteiligten direkten Kontakt mit der Sendung aufnehmen. Diese Beteiligung wird von dem dynamischen Sendeablaufplan gesteuert, so dass gewährleistet ist, dass entsprechende Kommunikationen über das Internet mit in die Sendung einbezogen werden. Dadurch wird einerseits ein geordneter Sendeablaufplan garantiert und andererseits können die externen Gruppen an der Sendung aktiv teilnehmen.
Im Anschluss wird die TV- Live Sendung mit allen Beteiligten ausgewertet, so dass die Ergebnisse allen Projektbeteiligten und anderen usern im Internet zur Verfügung stehen.
 


Offene Kanäle im digitalen pädagogischen Spannungsfeld

Was hat wohl unsere Urgroßväter angetrieben, an einer Technik zu arbeiten, die es 1907 erstmals ermöglichte, ein Massenmedium zu erfinden, das man heute als Radio bezeichnen würde. Rückblickend scheint eine Antwort einfach: Die Ausweitung der industriellen Produktionsweise durch drahtlose Informationsübermittlung bei der Erschließung neuer Territorien. 100 Jahre später blicken wir mit einer digitalen Technik in ein unendliches Universum, umkreisen mit tausenden von Satelliten unsern Globus und wissen heute schon, ob morgen am anderen Ende der Welt ein Sack Reis umfallen wird.

In entgegen gesetzter Richtung betrachten wir unsere evolutionäre Entwicklung im Nanokosmos auf der Suche nach einer universalen Erklärung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diese Erkenntnisse wären ohne die Entwicklungen der digitalen Technik schwerlich denkbar. Mithin fällt der Nutzung und der weiter Entwicklung dieser Technologien im 21. Jahrhundert eine besondere Bedeutung zu. Dabei ist das Verständnis der digitalen Kommunikationstechnik als eine notwendige Voraussetzung zu sehen, diese so zu nutzen, dass sie im Interesse von Mensch und Natur sinnvoll eingesetzt und weiterentwickelt wird. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Offenen Kanäle in Deutschland auch zukünftig.

Offene Kanäle müssen aber weit aus mehr sein, als es der Name vermuten lässt. Dahinter verbirgt sich neben dem Versenden von akustischen und visuellen Informationen eine Kompetenzentwicklung, die im Zuge der Durchsetzung des Internets neue Fragen aufwirft.

Medien spielen in unserer Gesellschaft eine immer größere und komplexere Rolle. Sie durchdringen immer mehr Bereiche des Alltags und der Lebenswelt. Kommunikative Kompetenz kennzeichnet dabei das grundlegende Vermögen des Individuums mit anderen zu kommunizieren, zu interagieren und soziale Beziehungen aufzubauen. Darüber hinaus gewinnen sie aber auch eine immer größere ökonomische, technologische, politische und kulturellästhetische Bedeutung.

Bereits Anfang der 1970-er Jahre entwickelte Dieter Baacke, unter dem Einfluss der Kritischen Theorie (Adorno, Enzensberger, Habermas, ...), hieraus ein Konzept der sog. „handlungsorientierten Medienpädagogik“. Innerhalb dieses Konzepts spielt der Begriff Medienkompetenz eine zentrale Rolle. Zum Einen bedeutet handlungs-orientiert die Gestaltung aktiver Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen, bei der junge Menschen in der praktischen Arbeit Handlungskompetenz im Umgang mit den Medien gewinnen, zum Anderen zielt der Begriff aber vor allem auf die handlungstheoretischen Grundlagen dieser Medienpädagogik.

Für die handlungsorientierte Medienpädagogik ist jede Beschäftigung mit Medien ein intentionales soziales Handeln, weil auch jeder noch so passive Konsum eine Verstehensleistung beinhaltet. Diese besteht darin, dass sich der Mediennutzer die Formen, Inhalte und Botschaften auf der Basis seiner Lebenswelt, seiner Lebenserfahrung und seiner Wissensbestände interpretierend aneignen muss. Allerdings erschöpft sich das Verständnis von Medienkompetenz nicht in diesem Grundprinzip. Medienkompetenz meint insofern die kompetente Auseinandersetzung mit der entwickelten Mediengesellschaft und zwar auf allen Ebenen, in denen Medien im Alltag der Menschen eine Rolle spielen. Handlungsorientierte Medienpädagogik zielt auf die Entwicklung, den Ausbau und die Sicherung der Medienkompetenzen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Diese müssen in die Lage versetzt werden, in ihrem Medienalltag zu selbst bestimmten, kritischen, aktiven und kreativen Mitgestaltern ihrer mediatisierten Lebenswelt zu werden. Dabei geht es darum, die Medien und ihre Möglichkeiten für die eigenen Interessen, Bedürfnisse und biographischen Pläne nutzbar machen zu können.

Im Zuge der Globalisierung und der Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten durch dass ‚world wide web’ fällt der Qualifikation des Individuums hin zu einem demokratiefähigen Menschen im 21. Jahrhundert damit eine besondere Bedeutung zu. Dabei muss handlungsorientierte Medienpädagogik über das reine Verständnis der Nutzungsmöglichkeiten der virtuellen Realität in oben beschriebenem Sinne hinausweisen.

Hierbei fällt dem Konzept der „Offenen Kanäle“ eine erweiterte Bedeutung zu. Neben der Sicherung eines freien Zugangsweges rückt die Kompetenzentwicklung zukünftig noch mehr in den Mittelpunkt. Darüber hinaus kann und muss handlungsorientierte Medienpädagogik in einem Ballungszentrum wie Berlin den Integrationsgedanken noch stärker fördern.

Das dies möglich und sinnvoll ist, zeigen meine eigenen Erfahrungen, die ich beispielsweise beim Internationalen Studenten Festival in der Hansestadt Greifswald entwickelt und durchgeführt habe. Dort wurde 2002 gemeinsam mit 50 Schülern und Studierenden über den Zeitraum von zwei Wochen ein tägliches TV- Live- Magazin produziert: Die Sendungen wurden sowohl in lokalen Sendern ausgestrahlt, als auch ins Internet gestreamt. Danach wurden die Sendungen zum download auf der eigens entwickelten Website angeboten und zur Diskussion gestellt. Speziell das Internet mit seinen interaktiven Möglichkeiten führte dazu, dass angereiste Gäste eine ganze Reihe von eigenen Videobeiträgen aus ihren Heimatländern mitbrachten, die dann in das Sendekonzept integriert wurden. Darüber hinaus beteiligten sich die ausländischen Gäste selbst an der Produktion von Beiträgen für das Magazin. Dabei förderte gerade diese Zusammenarbeit an den Medienprodukten das gegenseitige persönliche Kennenlernen und das wechselseitige kulturelle Verständnis.

Insbesondere das Interesse Jugendlicher an den neuen Medien mit ihren technischen Finessen war hier die entscheidende Triebfeder, sich in die unterschiedlichsten Anforderungen von Medienproduktionen einzuarbeiten und diese praktisch mitzugestalten. Letztlich lag das ganze Projekt in den Händen der Schüler und Studierenden. Damit trugen diese eigenverantwortlich die Entscheidungen, vom redaktionellen Konzept bis hin zur technischen Umsetzung. Dies zeigt einmal mehr, dass Jungendliche sehr wohl Interesse an interkulturellen Themen und an der Übernahme von Verantwortung haben, und diese auch konstruktiv in ihre eigene Bedürfniswelt unter Anleitung einbringen wollen und können.

Die neuesten Entwicklungen, wie beispielsweise die von Google übernommene Plattform You tupe zeigen, dass das Interesse junger Menschen an den Entwicklungen des Internets mit seinen fast unbeschränkten Möglichkeiten ungebrochen ist. Gerade aber die Diskussionen über die so genannten „Killerspiele“ im Internet machen deutlich, dass hier ein akuter Handlungsbedarf besteht. Diese einfach zu verbieten, scheint mir in Anbetracht der Offenheit des www zur Zeit illusorisch. Vielmehr sollten die Interessen der Jugendlichen aufgegriffen und besser kanalisiert werden.

Die Kampagne „Jugend ans Netz“ weist hier in die richtige Richtung. Betrachtet man aber die Realitäten, fällt auf, dass zwar mittlerweile alle Schulen über internetfähige PC´s verfügen, aber ein konsequenter Ansatz zu einer handlungsorientierten Medienpädagogik häufig unterentwickelt ist. Hier bieten sich mannigfaltige Möglichkeiten der Kooperation zwischen dem Offenen Kanal und pädagogischen Einrichtungen. Vor allem Lehrer und Lehrerinnen können damit bei der täglichen Arbeit Unterstützung finden. Siehe auch: www.concept-video.de/5.html

Spätestens nach den öffentlichen Diskussionen über die PISA - Studie treten auch die Probleme in Schulklassen mit hohen Migrantenanteilen in den Vordergrund. Gerade dort können unter der Berücksichtigung der kulturellen Hintergründe Medien Besonderheiten und Lebensweisen transparent machen. Dabei geht die medienpädagogische Arbeit jedoch weit über die reinen Darstellungen hinaus.

Zusätzlich fördert der sinnvolle Gebrauch von Medien die sprachliche Entwicklung, die wiederum als Voraussetzung menschlicher Kommunikation im Zusammenleben darstellt.

Eine der entscheidenden Voraussetzungen für kommunikatives Handeln ist die Wahrnehmung. Es ist bekannt, wie sehr die Bestimmung der Realität z.B. von der Perspektive abhängt, mit der man die Dinge betrachtet. Eine wesentliche Größe für die Bestimmung von Realität ist auch der Kontext, in dem bestimmte Erfahrungen oder Erlebnisse gemacht werden. Die eigenen Gefühle, Vorurteile oder auch bestimmte selektive Wahrnehmungen führen jeweils zu einer unterschiedlichen Betrachtung dessen, was Realität ist. Die Bestimmung der Realität ist also immer von den Wahrnehmungsprozessen abhängige Kommunikation.

Kommunikation über Medien zeichnet sich aber gerade dadurch aus, dass hier die Wahrnehmungsprozesse ganz entscheidend beeinflusst werden. Anders als im sonstigen Alltag mit seinen unmittelbaren sinnlichen Erfahrungswelten, mit seiner quasi-natürlichen Ablaufstruktur, sind hier die Wahrnehmungsmöglichkeiten und Prozesse stark selektiv, vorstrukturiert und initiiert. Die Kombination von Bildern, Tönen und Sprache, die Aufhebung von Zeit und Raum, die Manipulationsmöglichkeiten im Bildaufbau, die vorgegebene Perspektive durch Kameras, Kommentatoren usw., all dies hat zur Folge, dass die Wahr-nehmungsprozesse in der mediengestützten Kommunikation besonderen Be-dingungen ausgesetzt sind.

Für eine handlungsorientierte Pädagogik bedeutet das: Wenn Wahrnehmungs-prozesse entscheidend die Interpretation der sozialen Wirklichkeit bestimmen und Medien vermittelte Interaktionen entscheidend die Wahrnehmungsprozesse mitstrukturieren, dann ist Medienkompetenz durch die Fähigkeit bestimmt, die Grundlagen der eigenen Wahrnehmungsprozesse im Kontext der Medienwelten reflektieren zu können. Hier setzt das Konzept handlungsorientierter Medien-pädagogik an: Ihre erste und vornehmste Aufgabe ist dann nämlich die "Wahrneh-mungsbildung" - nicht im Sinne der normativen Ausbildung eines Geschmackssinns für das Wahre, Schöne und Gute. Vielmehr geht es um die Bildung einer kritischen und selbstreflexiven Kompetenz im aktiven Umgang mit den Medien ("Mediennutzungskompetenz": vgl. Sander, Vollbrecht 1987).

Wahrnehmungsbildung meint also Kinder und Jugendliche in die Lage zu versetzen, sich kritisch und selbstkritisch mit dem eigenen Medienumgang auseinanderzusetzen, indem sie sich Klarheit darüber verschaffen, wie Wahr-nehmungsprozesse in medienvermittelter Kommunikation ablaufen.

Diese Wahrnehmungsprozesse finden aber zum größten Teil nicht im schulischen Alltag statt. Viele Jugendliche verbringen mittlerweile den Hauptteil ihrer Freizeit mit dem Konsum von Fernsehen und/oder der Nutzung des Computers bzw. des Internets. Dies führt in zunehmendem Maße zur Vereinzelung und einer Realitätswahrnehmung, die maßgeblich von der Nutzung dieser Medien beeinflusst wird. Hinzu kommt, dass der Konsum oder die Nutzung vielfach von den Eltern weder zeitlich noch inhaltlich kontrollierbar ist. Da aber gerade das Internet Interaktionen nicht nur zulässt, sondern diese befördert, besteht die Gefahr, dass die unreflektierte Nutzung zu einer rein virtuellen und damit zu einer realitätsfernen Kommunikation verführt. Dieser Entwicklung entgegen zu treten kann und sollte zukünftig auch Aufgabe des Offenen Kanals sein. Dazu wären beispielsweise die bisherigen Kooperationen mit Trägern der öffentlichen und freien Jugendarbeit näher zu bestimmen und gemeinsame Lösungsstrategien zu entwickeln.

Rückblickend betrachtend, hat sich durch die Digitalisierung unsere Welt derart verändert, dass Virtualität und Realität an den Grenzen verschwimmen. Zusammenhänge sind aufgrund von hoher Komplexität für das Individuum nicht mehr durchschaubar. Letztlich müssen sich aber virtuelle Realitäten an den Realitäten der Wirklichkeit messen lassen. Dabei muss beides unterscheidungsfähig sein. Hierzu sollte handlungsorientierte Medienpädagogik zukünftig noch stärker beitragen. Dabei fällt dem Offen Kanal Berlin mit seinen personellen und technischen Ressourcen zukünftig eine erweiterte Rolle zu. Um diese neu bestimmen zu können bedarf es zunächst einer Analyse der jetzigen Funktionen und Wirkungsweisen des OKB. Parallel sollten in Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen (Hochschulen) Bestandsaufnahmen über die zukünftig zu erwartenden technischen Entwicklungen gemacht werden. Darauf und auf den bisherigen Kenntnissen basierend, müssten auch in einer breiten öffentlichen Diskussion neue erweiterte Strukturen entwickelt werden.

Offene Kanäle im digitalen pädagogischen Spannungsfeld