Vorweihnachtliches Prekarium
So, und jetzt gehe ich in der Vorweihnachtszeit in den Zoo. Ich muss da noch was abgeben. Das ist ganz praktisch. Der Eingang ist quasi vor meiner Haustür. Da laufen all die Prekarier rum. Ich zähle manchmal bis fünf. Statistisch gesehen bin ich dann einem begegnet, einem der in einer ähnlichen Situation sein muss wie ich. - Wenn sich dann die Massen verdichten höre ich auf zu zählen. Dann schau ich in die Gesichter und den Outfit, oder schnappe im vorbeigehen Kommunikationsfragmente auf.
- „Ich krieg ja jetzt gar nichts mehr, nur noch Kindergeld:“
Beschwert sich eine von zwei neben mir gehenden Jungmüttern, die provozierend parallel ihre Kinderwagen durch die Menge rammen, - fehlt nur noch das Blaulicht denke ich.
- „... und, die anderen kriegen das Geld für´s nichts tun.“
Konsterniert bleibe ich abrupt stehen.
- „Ich will mich ja nicht beschweren wir haben genug Geld.“ Aber!
Schnatternd und lästernd entfernen sich die beiden ins Getümmel. Wie war das? Eine Neiddebatte aus dem Mittelstand auf Kosten der armen Schweine die sich täglich vor dem Jobcenter tummeln, um dem Staat auf der Tasche zu liegen.
Ich hab da früher immer nach oben geguckt. Eine andere Perspektive hatte ich ja nicht. Also kann es den Ostlern gar nicht so schlecht gehen. Vielmehr hat man jetzt wieder oben und unten gelernt. Spätesten jetzt glaube ich nicht mehr an die Statistik, oder doch?
Mein Analytikus bemüht seit neuestem die Gaus´sche Verteilungskurve, um mir zu erklären, wo ich da etwa stehe. Bei einem ADS Test meint er meinen IQ bestimmt zu haben. Danach gehöre ich zu 10%.
- Das stimmt, ich gehöre zu den 10% arbeitslosen Hartz IV Anwärtern. So gesehen, muss da an der Statistik doch was dran sein, wenn ich da mitten im Weihnachtszoorummel stehe.
Blinkende Lichter, der Geruch von Zimt, unüberhörbare single bells, der unvermeidbare Körperkontakt.
Nach unzähligen Fress- und Saufbuden an einer Ecke ein high liegt: Ein Musi-ker spielt und singt Eric Clapton und das sehr gut. Wirklich stehen bleiben außer mir tut keiner. Ich schau mich mehrmals um, ein schlecht rasierter etwa 50 jäh-riger steht da und tut so, als würde er warten. In Wirklichkeit merke ich, dass er auch zuhört. Es ist eins dieser Stücke die Clapton nach dem tragischen Tod seines Sohnes komponiert haben muss. Melankolisch mit einem Esprit Optimismus.
Der Gitarrist entpuppt sich als Profi, dem der Arsch wohl auch auf Grundeis geht. Keiner bleibt stehen, außer uns beiden. Beim nächsten Stück hör ich zu und schaue den Vorbeiziehenden hinterher. Manche bleiben ein paar Sekunden stehen, zücken die Geldbörse, entlohnen die Mühe des Musikanten und ziehen hektisch weiter. - Eigentlich würde ich für diese Leistung auch bezahlen. Stattdessen gehe ich mit einem schlechten Gewissen im trott der Statisten.
Inzwischen hat den Zimtgeruch ein Gestank von verbranntem, verkohltem und Alkohol überlagert. Vor den Glühweinständen drängeln sich die Gewinner und Verlierer der blühenden Landschaften. Nebenan reuchert der Aalverkäufer den Nichtrauchern den letzten Geruchsnerv. Den Grillmeister trifft es besonders am Schwenkapparat. Seine Kunden davor nicht minder. Da ist es wieder: Die Statisten sind plötzlich in der Überzahl. Wo ham die, die alle hier her gekarrt, oder sind das alles Rostocker?
Aus einem dunklen Hauseingang posaunt es „Stille Nacht heilige Nacht.“ Näher gekommen, sehe ich einen vermummten vielleicht 12 jährigen Nachwuchstrompeter. Übertönt wird er nur noch vom Grabscher, Gewinnen, Gewinnen, Gewinnen“ dröhnt es aus den Lautsprechern. Als Kontrapunkt dieser wohl schamlosesten Geldscheiderei, spende ich dem Jüngling 50 Cent.
Ich flüchte mich zu Till. Er betreibt einen Firlefanz Stand. Kunst- Handarbeit und beleuchtete Papiersterne. Eindeutig ein Verlierer der geistig moralischen Wende. Er zeichnet, malt ein bisschen und brutschelt ansonsten an dem elterlichen Wohnhaus, eher ein alter Bauernhof. Seine Frau, studierte Designerin, hält die Familie mit einem Laden in der dritten Reihe in Warnemünde über Wasser. Auch keine Gewinnerin.
Till ist heute gut drauf. Kein Wunder, über die Hälfte der Zeit die er in seiner Bude verbringen muss hat er hinter sich. Der arme hagere Kerl steht seit fast drei Wochen jeden Tag 12 Stunden in einem unbeheizten Holzverschlag und verkauft die Erleuchtung in Papiersternen. Ich frage mich, ob es die Artikel sind oder die Beharrlichkeit die ihm diesen Platz im Zentrum des besinnlichen Ruhmes eingebracht haben. Er ist jedenfalls ein wenig stolz darauf gegenüber einem Kinder Karussell vorübergehend kommerzielle Wurzeln schlagen zu dürfen.
Wie gewohnt, diesmal aber in freudiger Erwartung, frage ich ihn nach seinen wirtschaftlichen Erfolgen vom Wochenende. Akribisch blättert er in seinem Umsatzbuch in dem wohl auch jede kleinste Einnahme vermerkt sein dürfte. Freudig, aber auch gleichzeitig abwertend, verkündet er aus seinem kapitalistischen DIN 5 Poesiealbum stolz den vermeintlichen Aufschwung.
„Das müssen aber mehr sein, es war so voll, dass ich mit dem Eintragen nicht hinter her kam.“
Er nennt mir eine Zahl die ich durchaus für beachtlich halte. Nach Kurzrech-nung durch das Eigeneiweiß komme ich auf einen Bruttoumsatz von 50,-- Euro pro Stunde, am Wochenende! Wenn ich ihm daraus drei viertel, Standmiete, Strom, Herstellungskosten, Vertrieb usw. rausrechne, hat er einen Verdienst von, gut gerechnet, 15,-- Euro. Vor Steuern versteht sich.
„Dieses Geschäft ist eine Basis unserer Existenz,“ betont Till.
Ich rechne nicht mehr weiter, ich glaube ihm.
- Ein Blick aus der Perspektive des Leuchtkörperverkäufers verdeutlicht die prekäre Situation aller derer, die sich mühen den Menschen etwas Besonderes anzukündigen. Aus einer Plastikbox mit drei Fenstern zu drei Seiten starrt ein verfetteter junger Mann, dem man schon ansieht, dass er da sein leben lang nicht rauskommen wird. Wahrscheinlich wird er später einmal so Fett, dass man ihn aus der Kiste operieren muss.
Gelangweilt verkauft er den beeindruckten Kindern die Jetons für das Karussell. Ein paar Eltern bespitzeln am Rande ihre Erziehungsbefohlenen beim dauernden rotieren einer Plattform. Die aufgebauten Figuren erinnern mich an einen Dorfrummel Anfang der 90ger Jahre in Südengland. Im Gedächtnis habe ich eine Technik die mich an die Nachkriegszeit erinnerte. Form follows Function. Sicherheitsbestimmungen? Et isse noch imma joot jejange.
Bizarr verschmelzt meine optische Wahrnehmung eines leutenden Bengels auf einem Leiterwagen mit dem unüberhörbaren Klang seiner Bimmel. Runde für Runde freuen sich alle beim Anblick der glücklichen Familie. Jäh wird der Kinderspaß mit dem Ende der Rotation unterbrochen. Alle umstehenden sind erleichtert, bis auf den Bengel, der nur unter Protest die Arena verlassen muss.
Wie kann man das 12 Stunden täglich ertragen? Mit dieser Frage komme ich mit Till wieder ins Gespräch.
„ Das hör ich schon nicht mehr, das nehme ich gar nicht mehr Wahr, das blende ich aus.“
Akustisch sensibilisiert wird mir deutlich was er meint. Konzentriert filtert er das Wesentliche. Den Leuten das Geld aus der Tasche locken. Nebenbei erfahre ich, dass er der erste war mit den beleuchteten Sternen. In Rostock jedenfalls.
„Jetzt verkaufen die ja hier alle,- zum selben Preis.“
So als hätten die anderen ihm ein gutes Geschäft vermasselt. Dann werde ich Zeuge eines Verkaufs eines Korpus delicti.
Eine attraktive blonde Jeansträgerin tritt in die Reichweite der Fänge von Till. Selbst bewusst eröffnet sie den Dialog mit der Frage nach dem Preis für ein bestimmtes Modell. Souverän und freundlich Kontert der flugs zum Verkäufer mutierte Till, mit der Antwort. Jeder Profi weis, dass die Reaktion hierauf erkennen lässt, wer ein potentieller Abnehmer ist und wer nicht. Diesen Vorteil nutzend verweist er geschickt auf ein anderes Modell, das etwas teurer, aber dafür mit mehr Luxus ausgestattet ist.
Plötzlich wird mir ersichtlich das Stern nicht gleich Stern ist. Genauso verwirrt wie die blauäugige schweift mein Blick durch den beleuchteten Horizont des Verschlages. In der Tat gibt es verschiede Farben. Mir erschließt sich nicht warum ein blauer Stern teurer als ein roter sein soll. Vielleicht sind rote Sterne im Osten nicht mehr so modern. Hieraus einen Standwitz zu machen lasse ich lieber. Das mögen die Ostler nicht so gerne. Obwohl es doch immer interessant ist, wer, wie mit dieser leidigen Geschichte persönlich umgeht. Für die meisten gilt: Augen zu und durch, nur wohin weis keiner mehr so genau.
Der Gedanke weicht dem Wesentlichen. Der Schönheit zu gewand wird mir klar, warum sie einem blauen will und keinen roten. Nach 40 Lebensjahren habe ich begriffen warum ich blau in jeder Hinsicht als Farbe bevorzuge. Es sind meine blauen Augen.
Nach dem sie ihr „comming out“ über ihre Küchenfarbe hinter sich gebracht hat, legt Till nach:
„Da hab ich den zu 12,--, den zu 13,50 und den zu 16;--„
Erneut verwundert nehme ich zur Kenntnis, dass auch darin noch unterschiede zu sehen sind. Der blonden geht’s wohl genauso. Nichts sagend kommt sie, den Blick auf das indoor Firmament gerichtet, auf meine Seite des Standes. Noch bevor ich die Situation zu meinem Vorteil einer Kommunikationsaufnahme mit der Schönheit realisiere, grätscht mir Till in das sich anbahnende Ablenkungsmanöver.
„Das ist das Studentenmodell, das ist die mittlere Preisklasse und hier ist der Rolls Royce unter den Sternen. —der kostet auch 28,-- Euro„ Das ist sofort ersichtlich.—„handbestickt“ ruft es rechtfertigend hinterher.
Nachdenklich stelle ich mir den braunen Rolls Royce in der blauen Küche vor. Beim näheren betrachten der Handarbeit springt mir ein Wohnzimmer ins Gesicht, wo so ein Ding hängen könnte. Eiche, Ledersofa, Wanduhr, braune Gardienen, alles nicht älter als 15 Jahre. Furniert und imitiert aus dem Westen.
Selbsthilfe suchend wendet sich die blonde von mir und dem Rolls Royce ab. Ich nehm es nicht persönlich, hängen doch ihre Sterne am andern Ende des Sternenhäuschens. Für Till läuft es gut. Er verfolgt sie auf seinen zwei Quadratmetern der Holzbude. Die Kundin wird unsicher. Wo soll sie dieses Ding hinhängen und vor allem wie, spricht es fraglich aus ihren Blicken. Jetzt schlägt der Praktiker und routinierte Verkäufer durch.
„Das brauchen sie nur in die Steckdose stecken, ein Schalter ist da auch schon dran, irgendwo oben drüber, fertig. Das Kostet allerdings 6,50 mehr.“
Noch bevor sich jetzt das Würgen seines Opfers in anbetracht der honorigen Preiserhöhung einstellt, baut sich jetzt des „Geiz ist Geil“ Schwein zwischen den Sternen auf.
„Das müssen sie nicht bei mir kaufen, das können sie sich in jedem Baumarkt holen,“
Nur mühsam windet sich das als Sparschwein entlarvte Opfer aus der misslichen Situation. Jetzt setzt Till zum Gnadenstoß an.
„Wenn sie sich eine Fassung im Baumarkt kaufen wollen, brauchen sie die ganz normalen. 60 Watt können sie da reinschrauben.-- Das ist dann noch heller als die, die hier alle hängen, die haben nur 40 Watt. Die sind dafür zugelassen, für 60 Watt. Ich finde ja 40 Watt besser. Das wirk wärmer, Stromsparbirnen gehen auch.“
Verblüfft, stelle ich fest, dass das auch funktioniert ohne die Billigsau. Innerlich kann ich ein süffisantes Lächeln nicht vermeiden. Weis ich doch, dass ihm hier auf dem Rummel der Strom zu teuer ist.
Nach kurzem zögern, meistert die Kundin die drohende Blamage in dem sie den „Full Service“ beansprucht.
Die Gelegenheit schamlos ausnutzend folgt eine individuelle IKEA kinder-leichte Schnelleinweisung in Aufbau und Betrieb des bethlehemschen Rich-tungsweisers im 21.Jahrhundert . Das ganze wird mit einer Penetranz vorgetra-gen, so dass die Schöne fluchtartig die Szenerie nach dem bezahlen verlässt. Etwas bescheidener wünsche ich noch viel Spaß mit ihrem Stern in ihrer blauen Küche hinter her. Lächelnd quittiert sie das wieder eintauchend in den Statisten-rummel aus dem sie ebenso unvermittelt vor drei Minuten aufgetaucht war.
Zurück gelassen analysiert mir Till den vergleich des Studentenmodells. Es wäre nur schwer das Preiswerteste als das neueste Prekariatsmuster zu verkaufen, zumal diese ja auch nicht offen sichtlich sind. Am entlarvernsten bei solchen Geschäften sei die Frage nach dem Studentenausweis, erklärt er mir.
– „Wieso“ frage ich, „gibst du doch Rabatte?“
- „Natürlich nicht, aber so mancher zeigt einen vor, wenn ich danach frage und manche haben eben keinen.“
Denen verkauft er so zu sagen noch einen Rabatt den es nicht gibt. Ich brauche einige Zeit um den Zynismus zu verstehen. Das peinliche Palaver zum Schluss stellt sich als kalkulierte Show zum Zwecke der Aufmerksamkeit heraus.
Um mich mit seinen positiven Gefühlen zu solidarisieren, gleichzeitig kein Missverständnis, im Hinblick auf einen möglichen Kauf eines Billigmodells entstehen zu lassen, hole ich zur Gegenakquisition aus. Nicht zu verwechseln mit Agitation. Eine andere Art des Verkaufens der Gesinnung. Spätesten jetzt wird mir klar, warum es gute und schlechte Verkäufer auch im Osten gibt.
Unter der Wertschätzung dessen, was das Überlebenskonzept von Till zu sein scheint, - alles hand gefertigt, ziehe ich einen gefalteten, verknitterten DIN A4 Konzept Ausdruck von Karlas hand gemachter Bettwäsche.
Sofort befällt mich ein befremden. Was mach ich eigentlich hier? Vor Weih-nachten 1994 verkaufte ich SAT 1 in Dortmund einen beleuchteten 35 Meter langen Zeppelin über dem Westfahlen Stadion für 50,000,-- D-Mark. 12 Jahre später handle ich mit Bückware anderer Leute auf einem Weihnachtsmarkt im Osten und verdiene keinen Euro.
Interessiert hört er zu, als ich ihm kompliziert erkläre wovon ich keine Ahnung habe. Schöne kreative hand gemachte Bettwäsche. Vollkommen absurd, in Anbetracht der Tatsache, dass ich mir noch niemals Bettwäsche selbst gekauft hatte. Mein Gegenüber versteht mich wahrscheinlich genau.
„Das passt natürlich nicht in unser Sortiment- Ist aber trotzdem schön.“
Als locel hero weis aber worauf es ankommt. Und wie es der Zufall so will, fällt ihm genau das Geschäft ein, in das mich schon mal jemand rein zerrte. Ein Laden, der für mich als Zielgruppe mehr Schweißausbrüche hervor ruft , als das sich die kauflustfördernde Endorphinproduktion einstellen würde. Stillsch-weigend sind wir uns einig, genau da müssen die Produkte hin. - Zu den Frauen.
In schillernsten Farben beschreibt er den kometenhaften Aufstieg der letzen 12 Monate diese Geschäftes in seiner Nachbarschaft, ohne nicht doch seiner Bewunderung darüber Ausdruck zu verleihen.
„Das hätte ich nicht gedacht bei diesem Hochpreisladen“
Seine Euphorie unterbrechend,
„ Ich kann ja für nichts garantieren.“
„...vielleicht ist ja die Sortimentierung schon zu voll und , oder....aber ich kann nichts versprechen“
Mein gezeigter Ausdruck und Verkäufertalent gönnen ihm jetzt keinen Rückzug.
„Wenn es dafür Käufer gibt, ist es ja egal von wem sie verkauft werden, oder?“
Jetzt hat er verloren. Ich sehe praktisch wie ihm die Dollarzeichen aus den Augen quillen. Um ihm seinen Lustgewinn zu steigern lege ich nach, indem ich jedwedes kommerzielles Interesse an dem Geschäft meinerseits von mir weise. - Ein Mitverdiener weniger.
Wir wechseln das Thema.
Ob Karla wohl weis warum ich glaube, dass, wenn ich Provisionen nehme es schon 15 % sein sollten. - Komisch, immer dann wenn ich nichts verkaufen will gelingt es mir am besten. Vielleicht sollte ich mich zum Bettenfachverkäufer umschulen lassen. Immer schön warm, trocken, angenehme Atmosphäre und der modernen Frau zuhören, sie beraten und glücklich nach Hause schicken. Als mir die Situation aus der anderen Perspektive deutlich wird, muss ich auch dieses Ansinnen schnell verwerfen, wie so vieles was einem in wenigen Sekunden augenblicklich geistig vorüberzieht.
Zum Glück fällt mir noch was ein worüber ich mich mit dem Grafik- Design- Künstler reden kann. Präzise beschreibe ich ihm das Eingangstor, wo in elektrischer Leuchtschrift „Weihnachtsmarkt“ in vorfreudiger Erwartung die Besucher anlocken soll. Gestützt wird das Leuchtwerk von einer eigens dafür errichteten Traverse. Die meist schmucklosen Aluminiumträger wurden mit Engelshand von Bauamt verschönert. Auf der rechten Seite haben flinke Hände zwei Tannen zwischen die Streben gequetscht. Für die andere Seite fehlte entweder die Phantasie oder das Geld.
„Das geht schon seit Jahren so.“ outet sich Till als Obertür- und Weihnachts-wächter.
„Das hab ich denen schon so oft gesagt - überall wird gespart.- ich sag denen das, ich kenn die ja.“
Verwundert nehme ich sein großes Engagent zur Kenntnis. Es ist seine Identifikation mit dem was er da verkörpert und was er gerne anders hätte. -Im Gleichklang landen wir wieder sanft in der Realität des östlichen Firmaments.
„Es wird immer beschissener.“
Das denke ich auch, nachdem ich mich von ihm verabschiedet habe. Jetzt nur nicht depressiv werden. Ich bin ja nur im Zoo, zumindest in meinem. Der einzige Unterschied ist der fehlende Zaun oder die Mauer, die sich insgeheim so mancher Ostler wieder wünscht. Vielleicht kommt es mir deshalb so komisch vor, wenn ich aus meiner Haustür trete und dabei über Statistiken und Prekarier in der Vorweihnachtszeit stolpere. Vielleicht zeigt sich auch nur der natürliche Fluchtinstinkt vor dem Prekarium.
Nein, ich habe schließlich eine gute Tat vollbracht, ja eigentlich vier.
Karla vorangebracht, Till ein wenig Abwechslung bereitet und einen Grundstein für die Ost-Westverständigung gelegt. Und mit 50 Cent ein Nachwuchstalent gefördert. Das muss für dieses prekäre Jahr genug sein.
Nachtrag
Nachdem ich auf wundersame Weise die Stadtoberhäupter von einer unberechtigt eingeforderten Steuer vor fünf Jahren überzeugt hatte, und diese sich geflissentlich bemüht sahen, den mir entstanden Schaden am 22. Dezember zu begleichen, habe ich mich spontan entschlossen einen Teil dessen wiederum der Stadtkasse zurück zu erstatten, in dem ich Till am letzten Tag des Weihnachtsmarktes doch noch einen Stern abkaufte. Mit Kabel versteht sich.
Jürgen Walter
Schach Gardez
Es war wieder einer dieser Tage, die bereits am Vorabend begannen. Energie geladen, optimistisch, gut gelaunt und vom Wochenende erholt, sah die Welt wieder rosig aus. Nach Monate langem Durchhängen hatte sich wieder Optimismus breit gemacht. Endlich wieder einen Plan. Einen fünf Jahres Plan. Die Länge dieses Plans war aber keineswegs der sozialistischen Planwirtschaft entlehnt. Nein, ein kapitalistischer Plan, eigentlich nur ein Finanzplan.
Die Zahl fünf war mit bedacht gewählt, ergab sie sich doch logisch aus einer anderen. Diese wiederum hatte sich aus einer wieder anderen ergeben. Eigentlich war es auch nicht nur eine, es waren eben viele Zahlen.
Das muss wohl auch der Grund gewesen sein, weshalb es in letzter Zeit so schwierig war einen Durchblick zu erlangen.
Egal, die Zahlen sprachen eine eindeutige Sprache. Geld musste her, um die jämmerlich prekäre Situation endgültig zu überwinden und wieder erfolgreich am Arbeitsleben teilhaben zu dürfen. Der strikte politische Spar- Umverteilungskurs der Bundesregierung hatte seine Wirkung auch auf dem eigenen Konto nicht verfehlt.
Noch saß ich im Warmen, die Kommunikationsmedien waren noch nicht lahm gelegt und das leibliche Wohl erfreute sich täglich bester Gesundheit. Es ging mir gut, ja so gar sehr gut, wenn man alles Elend dieser Welt und das Totschießen und -bomben nur in das richtige Verhältnis setzte. Was hätte ich doch für ein luxeriöses Leben in der dritten Welt oder im vorderen Orient, jedenfalls verhältnismäßig.
Dies aber ausgeblendet, reduzierte mich mein bescheidenes, knapp über der Armutsgrenze liegende Einkommen, immerhin 25 Euro, auf das was es hier Wert war. – grenzwertig, aber drüber.
Nun hätte man den Versuch unternehmen können sich mit dieser Situation zu arrangieren, wäre da nicht das Problem, dass das mit dem Einkommen auch nur so eine relative Sache war. Zumal die soziale Hängematte nicht für eine Dauerbelastung konstruiert war. 365 Tage und dann war auch mit diesem frönen Schluss.
Eigentlich war es ja auch kein Einkommen. Denn, es handelte sich um die „soziale Hängematte“ wie das gern von Konservativen formuliert wird. - Arbeitslosengeld. Genauer gesagt ALG 1. Das hört sich seriöser an. Diese Form von Unterstützung die einem gewährt wird, wenn man aus dem Arbeitsprozess ausgeschlossen wird. Also eine gute Sache, die einem davor bewahrte gleich ins bodenlose zu stürzen. Hier griff also zum ersten mal das berühmt berüchtigte „soziale Netz“, dass uns Deutsche davor bewahrte den Drahtseilakt auf dem Arbeitsmarkt bei einem Absturz nicht gleich mit dem Leben bezahlen zu müssen. Man fiel also weich von 100% auf 60% des Einkommens.
Zum Glück handelte es sich ja bei mir nur um einen Einzelfall. Man stelle sich vor welche verheerende Wirkung dies an der Börse gehabt hätte, wenn die Aktien plötzlich nur noch mit einem Wert der mehr als ein drittel weniger Wert war, gehandelt würden. Eine Katastrophe wenn die angelegte Million nur noch 600.000 Wert war. Ohne hier ins spekulative abzugleiten, lässt sich aber doch erahnen was man alles mit den nun nicht mehr vorhandenen 400.000 hätte anfangen können. Ein kleines Häuschen, mindestens einen Mittelklasse Wagen und wenn man sparsam war, 10 Jahre Leben ohne einen Cent dazu verdienen zu müssen. Und jetzt plötzlich alles Weg. Ein herber Verlust.
Noch mehr Leid tut mir in diesem Zusammenhang ein gewisser Herr Dr. Hartz, auch ein Einzelfall wie ich. Hat der doch über Jahre hinweg Gelder veruntreut und Arbeitnehmervertreter mit Rotlichtvergnügungen begünstigt. Die arme Sau ist jetzt vorbestraft und muss 560.000 Euro Strafe zahlen. Mich würde ja interessieren wie benannter zukünftig mit Hartz IV auskommen wird. Eben jenem Instrument das er mit Schröder und Konsorten ausgeheckt und in die Sozialgesetzgebung unter seinem Namen eingebracht hat.
Mit einer gewissen Genugtuung, dass mir dieses erspart geblieben war und mit der Gewissheit mir solche Sorgen nicht machen zu müssen, kehrte ich zu meinem bescheiden Einzelfall zurück.
Fein säuberlich und korrekt hatte mir meine Bank nach 20 jähriger Zusammenarbeit unmissverständlich klar gemacht, dass sie nicht gewillt war, meine Hängepartie mit mir, nach meinen Vorstellungen zu Ende zu spielen. Ohne mein zutun hatte sich meine Dame beim finanzschachern in eine so unglückliche Position gebracht, dass der Gegner, in diesem Fall meine Bank, mir mit einem "Schach", - "Gardez" die Niederlage androhte.
Was war passiert? Nach langer treuer Partnerschaft hatte mir meine Bank den finanziellen Spielraum genommen. Die Kündigung meines Dispositionskredites. Jenes Instrument mit dem alle Bankhäuser wenig geizen. Im Gegenteil. Vollkommen ohne Antrag und des Herbeibringens vermeintlich relevanter Unterlagen schmeißen die Banken mit „gutem Geld“ um sich, das man eigentlich nicht braucht. Vorausgesetzt man hat ein regelmäßiges Einkommen.
Einmal mehr wird mir klar, dass Banken es offen sichtlich nicht ertragen können wenn nur die Kunden verdienen. Denn positive Kundenkonten sind nur schwer erträglich, muss man dafür im schlimmsten Fall noch Habenzinsen bezahlen. Also muss man den hofierten Kunden bewegen, doch positiv in die Zukunft zu blicken und dabei doch den eingeräumten Spielraum auszunutzen. Ein vortreffliches Geschäft, lassen sich mir dem Instrument des Dispositionskredites Zinsen kassieren, die bis zu dreimal höher sind als für einen normalen Kredit.
Umso unverständlicher erschien mir in Anbetracht meiner Situation die Reaktion meiner Bank. Hatten sich doch meine finanziellen Umstände derart geändert, so dass ich doch nun der potentiell beste Kunde meiner Bank hätte werden können.
Verwundert ob dieses Verhaltens hatte ich bei dieser gebettelt, sie möge sich doch noch mal überlegen ihren letzten Zug zu überdenken, zumal ich meine Dame nicht selbst ins "Schach"- "Garde" gestellt hatte.
Nach Fassung ringend analysierte ich die letzten Züge. Wie konnte ich diesen fatalen Stellungsfehler übersehen haben, oder spielte der Gegner einfach besser. In festem Glauben an die eigene Spielstärke stellte ich den Gegner zur Rede. "Wieso kündigen sie mir genau dann meinen finanziellen Spielraum wenn ich ihn am Dringendsten brauche?" Vollkommen unbeeindruckt verwies mich der Gegner auf seine Analyse meines Einzelfalls. Die Zahlen hätten eben ergeben, dass meine Stellung nicht mehr ausreiche, um den letzten Zug zu annullieren. Nachdem ich den König aus der Gefahrenzone gebracht hatte, wurde meine Dame vom Spielfeld entfernt.
Immer noch ungläubig und angeschlagen versuchte ich nun aus meiner Stellung dem Gegner eine Konzession aus den Rippen zu leiern. Unter dem Hinweis, dass sich ja meine Einkommenssituation nicht auf Null, sondern lediglich um 40% gemindert hatte und ich damit über der Armutsgrenze lag, also verhältnismäßig reich sei, möge mir mein Geldinstitut doch wenigsten einen geminderten Dispositionskredit einräumen. Doch auch dieses naive Ansinnen wurde schnöde verworfen, in dem mir beim Rückzug des Gegners Dame im vorbeigehen auch noch ein Springer vom Brett entfernt wurde.
Fassungslos starrte ich der jungen Dame in meiner Bankfiliale in die Augen. War ich doch vor fünf Jahren voller Optimismus mit einem Dispositionsrahmen von über 5000 Euro ausgestattet in den Osten, genauer in die schöne Hansestadt Rostock gekommen, stand ich nun vor einem finanziellen Fiasko.
Flehend und wütend zugleich machte ich meinem Ärger Luft.
Immer noch im Unklaren was eigentlich passiert war, stellte sich nun heraus, dass mein gegenüber die Tragweite dessen was es stellvertretend für die Bank angerichtet hatte vollkommen überfordert war.
Souverän betrat der stellvertretende Filialleiter den Counter. Im Unterschied zu früher steht man hier anstatt zu sitzen. Wahrscheinlich will man damit erreichen, dass sich die Kunden nicht zu lange hier aufhalten und zu viele unangenehme Fragen stellen. Nach äußerst kurzer Einweisung durch die junge blonde in meinen Einzelfall, war für den Lackaffen alles klar. Wir können ihnen keinen Dispositionskredit gewähren, da wir Arbeitslosengeld nicht pfänden können. Das klang so überzeugend und glaubhaft, dass ich mit einem „Time out“, der Niederlage nahe damals meine Bank verließ, ohne mir bewusst zu sein, wie denn diese darauf gekommen war, dass mein verringertes Einkommen vom Arbeitsamt bezahlt wurde.
Fakt war, sie wusste es und ich spielte nun gegen zwei Gegner ohne Dame und einen Springer. Und nun schien nach dreimonatigem Zeitgewinn, eingehender Stellungs- und Gegneranalyse sowie dem allgemeinen wirtschaftlichem Aufschwung endlich klar, wie der Situation Herr zu werden war. -Mit meinem fünf Jahresplan.
Überschwänglich, mit klarer Strategie und wohl wissend, dass das Spiel mit Schwarz nicht mehr zu gewinnen war, ging ich an diesem morgen ans Werk. Ein Remis musste her.
Gut gewappnet, mit rosaroter Brille auf der Nase, meinen Finanzplan vor Augen griff ich an diesem Morgen zum Telefon um mit meiner Bank die nächsten Spielzüge zu besprechen. Ich wollte einen Termin vereinbaren in dem eben die nächsten Züge genauer persönlich zu besprechen sein sollten. Ich landete nicht wie früher üblich beim Pförtner, sondern im Callcenter. In kurzen knappen Sätzen trug ich dort mein Anliegen vor.
Anstatt mich, wie zu erwarten war weiter zu vermitteln, entpuppte sich der vermeidliche Pförtner als ein penetranter Abwimmler vor dem Herren. Immer weiter verwickelte mich dieser in Gespräche die ich eigentlich gar nicht mit diesem führen wollte. Letztlich gipfelte seine Aussage darin, ich könne ja wohl nicht ernsthaft erwarten, dass mir meine Bank einen Kredit gewähre auf geplante Ereignisse die in der Zukunft lägen. Wie bitte? Worauf denn sonst? Auf Geschäfte die in der Vergangenheit liegen? Geschlagene 15 Minuten dauerte das verbale Geplänkel bis er sich endlich dazu herabließ mich mit der zuständigen Kreditabteilung zu verbinden. Doch auch das blieb erfolglos, alle Berater im Gespräch. Wir rufen zurück. Vollkommen entnervt lege ich auf. Zukunftspläne sind wohl mit Banken nicht mehr zu machen, jedenfalls nicht wenn man ALG 1 Empfänger ist. Wie muss es eigentlich denen ergehen, die nichts mehr haben. ALG2. Darüber denke ich besser nicht ernsthaft nach und freue mich, dass ich so einen guten Wochenstart hatte.
Die Partie ist noch nicht beendet und solange diese nicht verloren ist, wird weiter gespielt.
Über die Profitgier des Finanzkapitals, das für die Globalisieung
und die Finanzkriese maßgeblich Verantwortung trägt, schrieb im
vorletzten Jahrhundert Karl Marx:
Bei
10 % Rendite wird es wach, bei 20% lebhaft, bei 50% positiv waghalsig,
bei 100% stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinem Fuß, und bei
300% gibt es kein Verbrechen, das es nicht riskieren würde.