Neue Methoden der Hörfunkforschung
FREIE UNIVERSITÄT BERLIN 1999
Ergebnisse
einer telefonischen Befragung
unter Entscheidungsträgern der
Hörfunksender im Raum
Berlin - Brandenburg
Inhalt:
- 1. EINLEITUNG
- 2. AUSWAHLKRITERIEN UND FESTLEGUNG DER GRUNDGESAMTHEIT
- 3. METHODISCHE ENTSCHEIDUNG
- 4. ENTWICKLUNG DES GESPRÄCHSLEITFADENS
- 5. DURCHFÜHRUNG
- 6. ERGEBNISSE
- 1. Methodik
- 2. Repräsentativität
- 3. Ausweisungsgrenzen
- 4. Aktualität
- 5. Brauchbarkeit der Daten
- 6. Manipulatierbarkeit
1. Einleitung
Eine wichtige Erkenntnis war, daß die Ergebnisse der MA für Hörfunksender einen wesentlichen Bestandteil zur Akquisition von Werbegeldern darstellen. Dies gilt insbesondere für private Veranstalter, aber auch teilweise für öffentlich-rechtliche Sender. Da es inhaltlich an der MA eine ganze Reihe von Kritik insbesondere hinsichtlich der Fusionierung, der Repräsentativität und Validität der erhobenen Daten gab, wurde die These entwickelt, daß die bisherige Methode der Datenerhebung sowie die Berichterstattung bei der MA den Markterfordernissen angepaßt werden müßte.
In einem Gespräch mit der Mediananstalt Berlin-Brandenburg (MABB) wurde offenbar, daß es in der Vergangenheit bereits häufiger Kritik an der MA gab, jedoch bis heute keine gemeinsame Grundlage exisitiert, auf der alternative Erhebungsmethoden etabliert werden könnten. Die MABB zeigte sich darüber hinaus an einem gemeinsamen Gespräch mit möglichst allen Hörfunksendern interessiert. In einem solchen Gespräch sollten Wege diskutiert werden, bessere und für die Sender nützlichere Erhebungsinstrumente und -methoden zu entwickeln und diese gegebenenfalls auch umzusetzen. Hinsichtlich der Finanzierbarkeit eines solchen Vorhabens stellte die MABB eine Unterstützung kleinerer finanzschwächerer Sender in Aussicht.
Auf Grundlage dieser Ergebnisse wurde die Idee zu einer Befragung von Entscheidungsträgern der einschlägigen Berliner Hörfunksender entwickelt. Ziel dieser Befragung war zu ermitteln, welche Daten von den Sendern für Marketing- und Programmplanungszwecke genutzt und wie diese hinsichtlich dieser beiden Funktionen bewertet werden. Weiterhin sollten Wünsche und Erwartungen an verbesserten Erhebungsmethoden erhoben, sowie die Bereitschaft zur Beteiligung an alternativen Vorgehensweisen der Hörfunkforschung ermittelt werden.
2. Auswahlkriterien und Festlegung der Grundgesamtheit
Eine erste Eingrenzung wurde hinsichtlich der technischen Übertragungswege (Satellit, Kabel, terrestrisch) vorgenommen. So wurden für die Grundgesamtheit nur terrestrisch ausstrahlende, d.h. über Antenne empfangbare Sender im UKW-Bereich berücksichtigt. Sie stellen hinsichtlich des weitesten Hörerkreises die Obergrenze in einem lokal begrenzten Gebiet dar und bilden damit die maximal Erreichbare Hörerschaft des jeweiligen Gebietes ab.
Auf der nächsten Stufe mußten Kriterien zur Bestimmung der zu befragenden (entscheidungsrelevanten) Person(en) in den Sendern entwickelt werden. Dabei war insbesondere vor dem Hintergund des dualen Rundfunksystems eine nähere Bestimmung des Senderbegriffes notwendig. So zeigt sich v.a. bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eine Differenzierung zwischen den Funktionen Geschäfts- und Programmverantwortlichkeit, während in der Regel private Rundfunkanbieter nur eine Frequenz anbieten und daher der Sender als Programmangebot identisch mit der Wirtschaftseinheit ist. Programmgestaltung und Geschäftsführung sind daher stärker aufeinander angewiesen und lassen andere Bewertungen der etablierten Methoden der Hörfunkforschung v.a. im Hinblick auf die beiden Dimensionen “Programmplanung” und “Marketing” erwarten.
Daraus ergab sich als Auswahlkriterium auf Personenebene eine Eingrenzung auf die Funktionen “Geschäftsführung” (GF) und “Programmplanung” bzw. “-leitung” (PL).
Die endgültige Auswahl wurde anhand einer Liste der MABB vorgenommen, die im Internet unter der Adresse http://www.mabb.de abgerufen werden kann. Sie wurde nach den zuvor genannten Kriterien aufbereitet und diente dem weiteren Vorgehen als Grundlage.
Wie die folgende Tabelle zeigt, wurden 24 Sender ausgewählt, die sich etwa Hälfte in private und öffentlich-rechtliche Sender aufteilen. Hinsichtlich des Programmangebotes wurde zudem eine Typisierung nach Vollprogramm oder “Sonderformen” (Sender mit speziellen Angeboten oder abweichendem Sendgebiet) vorgenommen.
Übersicht: Auswahlliste der Sender und Interviewpartner (Sollzahlen)
(Tabelle für das Web in Arbeit)
Die Anzahl der durchzuführenden Interviews pro Sender ergab sich aus der internen Senderstruktur, wie sie den zugrundeliegenden Informationen (s.o.) zu entnehmen ist.
3. Methodische Entscheidung
Um den Erhebungsaufwand gering zu halten, wurde die Form des telefonischen Interviews gewählt. Dies bietet sich bei den in diesem Kontext zu befragenden “entscheidungsrelevanten” Personen auch deshalb an, weil zum einen mit unkalkulierbaren Terminverschiebungen zu rechnen war und zum anderen eine hinreichende Vertrautheit mit dieser Erhebungsform vorausgesetzt werden konnte.
Hinsichtlich der Dokumentation der Erhebungsergebnisse wurde durch den Einsatz von “Interviewertandems” gewährleistet, daß möglichst wenig Informationen verloren gingen. Der Begriff Tandem leitet sich daraus ab, daß jeweils zwei Personen das Interview durchführten, wobei eine Person das Gespräch führt und die zweite Person das Interview bei eingeschalteter Mithörtaste des Telefons - das Einverständnis der befragten Person vorausgesetzt - protokollierte.
4. Entwicklung des Gesprächsleitfadens
Weiterhin sollten Wünsche und Erwartungen an verbesserte Erhebungsmethoden erhoben sowie die Bereitschaft zur Beteiligung an alternativen Vorgehensweisen der Hörfunkforschung ermittelt werden. Dabei wurde ein konkretes Modell (“Kontinuierliche monatliche Berichterstattung mit vergleichbaren Erhebungsmethoden und Daten über Reichweiten und Hörerprofile”) zur Bewertung vorgegeben und die Bereitschaft der Sender erhoben, sich gegebenenfalls daran zu beteiligen. Gleichzeitig wurden die Vorausetzungen erfragte, unter denen eine Beteiligung an diesem Modell für möglich gehalten wird.
Der Leitfragebogen verzichtet bewußt auf die Erhebung von Informationen die aus sekundären Quellen gewonnen werden können und enthält aus Akzeptanzgründen auch keine Fragen, die als Preisgabe von “Betriebsinterna” (z.B.: Anzahl fester und freier Mitarbeiter, Umsatzzahlen etc.) gedeutet werden könnten.
5. Durchführung
Zunächst wurden Mitte August alle Sender auf Grundlage der erstellten Liste (s.o.: Übersicht) angeschrieben und über den Hintergrund und die Ziele des Projektes informiert. In diesem Anschreiben wurde bereits die zweite Stufe für Ende August angekündigt, bei der mit den entscheidungsrelevanten Personen ein konkreter Interviewtermin vereinbart werden sollte.
Die Terminvereinbarung erfolgte schließlich im Rahmen einer Telefonaktion Ende September bei der gleichzeitig eine Aktualisierung der Liste mit den entscheidungsrelevanten Personen vorgenommen wurde.
Die Durchführung der Interviews konnte im Zeitraum vom 23. Oktober bis 10. November realisiert werden. Dabei bestätigte sich der bereits nach dem ersten Anschreiben positive Eindruck hinsichtlich der Auskunftsbereitschaft der angeschriebenen Sender. Nur vier der 32 geplanten Interviews konnten nicht durchgeführt werden, wobei in drei Fällen aktuelle Entwicklungen (meist personelle Veränderungen) den Ausschlag gaben. In einem Fall wurden grundsätzliche Einwände gegen die Befragung als Ablehnungsgrund genannt. Die folgende Übersicht stellt den Vergleich zwischen Soll- und Ist-Zahlen nach Senderkategorien und Funktion der zu befragenden Person dar.
Tabelle1: Soll-Ist-Vergleich nach Sendertypen und Funktion
| Funktion | Art | des | Sen- | ders | Gesamt | | |||
| Öffentl.- Rechtl. | | Privat | Sonder- formen | ||||||
| soll | ist | soll | ist | soll | ist | soll | ist | ||
| Programmleitung | 7 | 6 | 5 | 5 | 6 | 5 | 18 | 16 | |
| Geschäftsführung* | 1 | 8 | 8 | 5 | 4 | 14 | 12 | ||
| Gesamt | 8 | 6 | 13 | 13 | 11 | 9 | 32 | 28 |
* incl. 1 Interview Intendanz
6. Ergebnisse
Wie nicht anders zu erwarten, kannten alle Befragten die MA. Bis auf zwei Sender arbeiten auch alle mit den Ergebnissen dieser Studie, wenn auch in sehr unterschiedlichem Maße.
Tabelle 2: Nutzung der Media Analyse (MA)
| MA Nutzung | Art | des | Senders | Gesamt |
| Öffentl. -rechtl. | Privat | Sonder formen | ||
| ja | 6 | 13 | 7 | 26 |
| nein | 2 | 2 | ||
| Gesamt | 8 | 13 | 7 | 28 |
Die kritische Haltung gegenüber der MA kommt auch in der Bewertung des Nutzens für die konkrete Arbeit zum Ausdruck. Hierbei ist den Aufgabenbereichen “Marketing” und “Programmplanung” entsprechend mit unterschiedlichen Bewertungen der Funktionsgruppen Geschäftsführung und Programmleitung zu rechnen.
Tabelle 3: Bewertung der MA nach funktionalen Gruppen und Sendertyp
| Bewerung der MA | Art | des | Senders | gesamt |
| alle | Öffentl.-rechtl. | Privat | Sonderformen | |
| k.A | 2 | 2 | ||
| neutral | 2 | 3 | 5 | |
| negativ | 4 | 13 | 4 | 21 |
| Gesamt | 6 | 13 | 9 | 28 |
| Geschäftsführung | Öffentl.-rechtl. | Privat | Sonderformen | Gesamt |
| k.A | ||||
| neutral | 1 | 1 | ||
| negativ | 8 | 3 | 11 | |
| Gesamt | 8 | 4 | 12 | |
| Programmleitung | Öffentl.-rechtl. | Privat | Sonderformen | Gesamt |
| k-A | 2 | 2 | ||
| neutral | 2 | 3 | 4 | |
| negativ | 4 | 5 | 1 | 10 |
| Gesamt | 6 | 5 | 5 | 16 |
Ein genauere Analyse der Kritikpunkte, die an der MA geäußert wurden läßt sich nach folgendenden Merkmalen gruppieren.
1. Methodik
Erstens wurde die Durchführung in Form des random-route Verfahrens unter Repräsentativitätsgesichts- punkten kritisiert. Insbesondere die Zielgruppe Männer zwischen 25 und 40 Jahren werde nicht richtig erfaßt, da sie seltener zuhause anzutreffen sei (Erhebungsform).
Zweitens erfolgt das Interview als persönliches Gespräch im privaten Haushalt. Es wurde bemängelt, daß ein Interview bis zu zwei Stunden daueren kann und der Teil über die Hörfunknutzung als Anhängsel an die eigentliche Studie gesehen wird. Es wird angezweifelt, daß die Konzentration der Interviewten gegen Ende des Interviews noch so groß ist, daß beispielsweise “die 1/4 Stunden Ausweisung an die Nutzung gestern nicht richtig erinnert wird” (Instrument).
2. Repräsentativität
3. Ausweisungsgrenzen
4. Aktualität
5. Brauchbarkeit der Daten
6. Manipulatierbarkeit
Tabelle 4: Kritikpunkte an der MA nach funktionalen Gruppen
| Kritikpunkte | Funktion | Funktion | Gesamt |
| (gruppiert) | Programmleitung | Geschäftsführung | |
| Erhebungsform | 6 | 5 | 11 |
| Instrument | 2 | 2 | 4 |
| Repräsentativität | 5 | 6 | 11 |
| Ausweisungsgrenze | 2 | 2 | 4 |
| Aktualität | 6 | 8 | 14 |
| Sonstige (s.o.) | 10 | 10 | 20 |
Da das Instrument der MA keine oder nur begrenzte qualitative Aussagefähigkeiten hat, sieht man dem “Rauf und Runter der Zahlen” gelassen entgegen. Diese “Gelassenheit" ist auch darauf zurückzuführen, daß alle Sender zusätzlich hausinterne Studien in Auftrag geben, um über die MA hinausgehende qualitative Informationen über Programm und Hörerschaft zu gewinnen.
Tabelle 5: Eigene Studien nach Sendertypen
| Eigenes Research | Art | des | Senders | Gesamt |
| Öffentl.-rechtl. | Privat | Sonderformen | ||
| Ja | 5 | 13 | 8 | 26 |
| Nein | 1 | 1 | 2 | |
| Gesamt | 6 | 13 | 9 | 28 |
Tabelle 6: Ausgabenhöhe nach Sendertypen
| Ausgaben für | Art | des | Senders | Gesamt |
| eigenes Research | Öffentl.-rechtl. | Privat | Sonderformen | |
| minimal | 40.000 | 150.000 | 57.000 | 40.000 |
| maximal | 40.000 | 1.000.000 | 100.000 | 1.000.000 |
| Nennungen | 1 | 9 | 3 | 13 |
Tabelle 7: Bereitschaft sich an anderen Methoden zu beteiligen
| Beteiligung an | Art | des | Senders | Gesamt |
| Modell ? | Öffentl.-rechtl. | Privat | Sonderformen | |
| ja | 6 | 12 | 7 | 25 |
| nein | 1 | 1 | ||
| k.A. | 1 | 1 | 2 | |
| Gesamt | 6 | 13 | 9 | 28 |
∑ insbesondere größere private Sender haben Probleme mit einer “zu große Markttransparenz”. Dem müßte durch eine entsprechende Gestaltung der Nutzungsrechte Rechnung getragen werden
∑ damit in enger Verbindung steht die häufiger geäußerte Sorge bei zu kurzen Zeitabständen der Erhebungswellen auch Unruhe in die Programmplanung und -gestaltung zu bringen
∑ ein weiterer Teil der Befragten kann sich eine Beteiligung grundsätzlich vorstellen, aber nur unter der Bedingung, daß “alle mitmachen”
∑ neben der Grundbereitschaft sind letzlich auch Fragen nach den Kosten für eine solche Studie wichtig. So können sich Vertreter einzelner Sender vorstellen, sich an einem derartigen Modell auch finanziell zu beteiligen, wenn die Kosten die für die MA aufgewendet werden wegfielen.
Tabelle 8: Bedingungen für die Beteiligung an neuem Modell
| Bereitschaft unter | Funktion | Funktion | Gesamt |
| der Bedingung .... | Programmleitung | Geschäftsführung | |
| wenn alle mitmachen | 3 | 4 | 7 |
| Nutzungsrechte | 1 | 1 | 2 |
| Kosten | 6 | 3 | 9 |
| Zeitraum | 9 | 8 | 17 |